Placebo im Klartext zu „Loud like Love“

24.04.14

Placebo im Klartext zu „Loud like Love“

Stefan Olsdal erzählte uns mal ein paar Dinge über seine Sichtweise der Vergangenheit und Gegenwart mit der Platte „Loud like Love“.

1994 treffen zwei Teenager mit denselben Teenagerproblemen aufeinander, wie zehn Jahre zuvor Krist Novoselic und Kurt Cobain, um deren Erbe „Alternative-Rock“ komplett neue Kontraste hinzuzufügen. Um sich nicht nur mit deren äußerlichem sondern auch ihrer Musik gegen den in England aufblühenden Britpop zu stemmen. Nach beinahe 20 Jahren Placebo kann man den Gründungsmitgliedern Brian Molko und Stefan Olsdal so einige popkulturelle Verdienste in die Schuhe schieben: Dass sie eine "Trademark" geschaffen haben und mit gefühlsvollen Balladen á la „Twenty Years“ genug Emotionen als auch Rock- Alben wie „Black Market Music“ die nötige Härte einspielten, um der meistgehassten Jugendkultur der Post-Moderne ein eigenes Genre, den Emo-Rock zu schenken. Dass sie großartige Songs wie „Where is my mind“ von den Pixies gekonnt interpretiert- und nicht zu vergessen den Outingprozess dutzender Bi,-Homo,-und Transsexueller beschallt haben.

Inzwischen ist die Band zwar nicht sesshaft, aber gebremster geworden. Britisch will man trotz alledem immer noch nicht sein: "Klarerweise ist London für uns ein wichtiger Hotspot. Dort haben wir ein Management und die Band gegründet. Trotzdem ordne ich mich keinem Land und keiner Stadt zu", so Olsdal. Man kann seinem Blick nicht entnehmen, ob er das Gegenteil eigentlich auch will: Familie, Kinder, sich Festlegen. Und man will es ihn auch gar nicht fragen, denn Placebo waren im laufe der Zeit immer Lichtjahre von diesem Image entfernt. Mit einem gewissen Alter ändert sich das aber oft. Für gewöhnlich. Heute dreht sich nicht mehr alles um das schnellste Speed, den längsten Dreier oder den kürzesten Minirock. Selbst in Brian Molkos Kurzhaarfrisur hat man nach „Sleeping with Ghost“ die „Mannwerdung“ schlechthin gesehen. Als er im Korridor vor Stefans Olsdal Hotelzimmer - mit dem wir an diesem Nachmittag zum Interview verabredet sind - kurz an uns vorbeihuscht, trägt er sie wieder lang. Tut das was zur Sache? Tut es nicht und hat es nie. In Molko kann man sehen was man will: Die androgynere Version von Marilyn Manson, die Weiterführung des David Bowies, den Punk-Rebellen oder britischen Dandy. Ob seine sexuelle Ambivalenz authentisch oder wie damals bei Kurt Cobain und später bei Brett Anderson purer Trotz war, ist ebenso wurscht: Abgehsehen einiger milder Depressionen hat er über zwei Dekaden den Protoyp eines amerikanischen Rock-Frontman gestellt- und das in England.

Apropo 20 Jahre: Placebo stehen kurz vor diesem Jubiläum und das auch noch mit einem neuen Album, dem Siebten um genau zu sein. Stefan Olsdal sitzt uns mit perfekt gestutzem Bart, Olaseku- und trotz spindeldürren Beinen-engstens anliegenden Röhrenjeans gegenüber und bestätigt, bandintern mache man sich keineswegs etwas aus dieser Zahl. Wenn schon ist sie Beweis der eigenen Beständigkeit und Zeichen dafür, dass man nach wie vor gerne miteinander arbeitet. Noch aber haben wir 2013, September und mehr oder wenig schlechtes Wetter. Dafür mit „Loud like Love“ ein gutes Album im Köcher. Ein Werk auf welchem sich die Phrase „Die Summe der einzelnen Teile“ doch tatsächlich einmal in der Praxis übertragen lässt. Hörtechnisch gibt es eine unsichtbare Trennlinie, die an unterschiedlichen Songwriter-Zonen liegt: „Der erste Teil entstand 2012, der zweite 2013. In der Zwischenzeit waren wir auf Tour und haben die B3-EP komponiert. Daher hat das Album an Homogenität eingebüßt, ist für mich aber so eine Platte, die Placebo immer schreiben wollte“, sagt Olsdal über den Entstehungsprozess. Damit dürft er Recht behalten: Während Songs wie „Too many Friends“ oder „Rob the Bank“ rockiger und geerdeter geworden sind, klingt die zweite Hälfte mit elektronischen Nuancen wie eine logische Fortsetzung von „Sleeping with Ghosts“. Man habe eben schon immer einen Draht zum Elektronischen gehabt, zu Front 242, Depeche Mode oder Boards of Canada. Ein Sound zu dem sich Placebo in den 90ern und darüber hinaus die Pillen eingeworfen haben: Alle drei auf unterschiedlichen Trips in der gleichen Bar und doch jeder alleine in seiner eigenen Welt. „Loud like Love“ dürfte zumindest diesem exzessiven Glam- Alltag in die Grenzen gewiesen haben: „Mein Leben hat sich inzwischen verändert. Wenn ich zurückschaue frage ich mich manchmal wie absurd es ist, dass Placebo noch immer Musik machen kann". Das können sie zweifelsohne denn auf der neuen Platte ist  alles da:  Molkos qängelnd-nasale Stimme sowohl über kräftige Rock-Songs als auch stimmig-gefühlsvolle Balladen und Piano-Lines. Texte die davon erzählen eine Bank auszurauben und dem Sex danach, „dem Gemeinsam alleine Sein“ und dem „alleine Trauern um das Gemeinsame“. Und wenn Molko im letzten Song nicht wie damals in „Nancy Boy“ von „different Partners every night“, sondern „I love you more than any man“ singt, kann man sich beinahe sicher sein, dass es diesmal um mehr geht als den Exzess. Placebos Debütalbum von 1996 war schlicht und einfach unpackbar gut. Mit den darauf folgenden Alben wurden die Hits aus der Reserve gelassen: Je nach Longplayer im düster-melancholischem Downtempo oder rockig-schnellem Uptempo. Mit "Loud Like Love" gelingt es dem Trio den Kreis zu schließen: Entstanden ist ein Album der verschiedenen Phasen als ein Ganzes, nicht angepeilt aber im Endeffekt sich logisch ergebend. Ein "Best Of" der eigenen Stile im Spiegel der Gegenwart. Placebo haben bewiesen, dass jede Popströmung eine Konträrkultur verdient hat: Eine Musik in die alles Ungesagte, alle ?ngste und Tabuthemen eingeschweist werden. „Wir waren schon als Kinder immer die Aussenseiter und haben uns in keiner Gruppe wohl gefühlt. Diese kleine Welt ist inzwischen zu unserer eigenen Identität gewachsen“. Olsdal sagt das, weil er heute offen schwul ist. Es ist aber noch viel mehr als das: Placebo im  Jahr 2013 zeigen, dass die Provokationen  aufgebraucht sind. Vielleicht weil wir sie als Gesellschaft nicht mehr so nötig haben wie früher. Und das ist gut so.

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